„Was einst außergewöhnlich war, wird durch den Klimawandel immer normaler“, sagt Logistikberater Hans Vermij (Haskoning). „Wir müssen die Bewirtschaftung des Rheins langfristig neu denken.“
Kritischer Niedrigwasserstand bei Kaub
Bei Kaub (Deutschland) fiel der Rhein Anfang August auf 14 cm über Pegelnull, was rund 1,3 m Fahrwassertiefe entspricht – niedriger als der Rekord von 25 cm aus dem Jahr 2018. Kaub ist die engste und flachste Passage des Mittelrheins und stellt bei solchen Pegeln ein Sicherheitsrisiko dar. „Ab Kaub in Richtung Mainz könnte die Schifffahrt zum Erliegen kommen“, so Vermij. Das trifft BASFs Hauptstandort Ludwigshafen und erschwert die Anbindung an Rotterdam und Antwerpen.
Gleiche Zusammensetzung, andere Partikelgeometrie
Die Feststoffanteile – Menge an Zink und Ruß (Carbon Black) – blieben in beiden Systemen gleich. Durch die Wärmebehandlung änderte sich jedoch die Partikelform: Anstelle runder Kugeln entstanden mehrkantige und hexagonale Partikel mit ausgeprägten Kanten und Ecken.
Weniger Tiefgang, höhere Kosten
Lange bevor die Schifffahrt stoppt, sinkt die Ladefähigkeit. „Schiffe müssen Tiefgang und Ladung reduzieren“, erklärt Vermij. „Je niedriger der Wasserstand, desto weniger Fracht und desto höher die Transportkosten.“ Gefahren wird, solange es sicher ist.
Alternativrouten reichen nicht aus
BASF setzt verstärkt auf Lkw und Bahn, um Rohstoffe zu sichern, meldet aber punktuelle Engpässe. Bereits gekündigte Verträge betreffen u. a. LyondellBasell (Butadien, Wesseling), BASF (Lösungsmittel/Tenside) und Covestro (Polyetherpolyole, Dormagen).
Straße und Schiene können den Rhein nicht ersetzen
Sonntagsfahrten für Lkw sind vorübergehend erlaubt, und etwa 30 % der Ludwigshafener Güter laufen per Bahn. Doch eine stark befahrene Rheinsektion mit 360 Schiffen à 3000 Tonnen pro Tag entspräche rund 360 Güterzügen oder 5500 Lkw täglich. Straße und Schiene kosten in Spitzenzeiten das Zwei- bis Dreifache.
Bulkchemikalien am stärksten betroffen
Vor allem flüssige und gasförmige Bulkchemikalien – Methanol, Ammoniak, Benzol – sowie Naphtha für Cracker leiden. „Große Mengen an Basischemikalien sind auf der Straße nicht wirtschaftlich zu transportieren“, sagt Berater Richard Carter. Sicherheitsvorschriften erschweren zusätzlich den Transport. Bleibt die Binnenschifffahrt aus, müssen Anlagen drosseln oder stoppen.
Volle Tanks in Seehäfen
Chemische Produkte werden bevorzugt in sicheren Seehäfen wie Rotterdam gelagert. Bei Störungen steigen dort die Bestände.
Deutliche wirtschaftliche Folgen
Analysen früherer Niedrigwasserphasen zeigen: 30 Tage Niedrigwasser kosten Deutschland etwa 1 % Industrieproduktion. 2018 sanken die Binnenschiff-Exporte im zweiten Halbjahr um fast 20 % und die Importe um 12 %; Unternehmen, die bei Importen auf Binnenverkehr setzten, verzeichneten rund 4 % weniger Exporte – unabhängig vom späteren Transportweg.
Innovation hilft – aber nicht bei Extremen
Nach 2018 investierte BASF in einen „Niedrigwasser“-Tanker mit größerer Breite/Länge und geringerem Tiefgang, einsetzbar bis zu einem Kaub-Pegel von 30 cm. Bei Rekordtiefs hilft das kaum. Zusätzliche Straßen- und Schienenkapazität dauerhaft für wenige Wochen im Jahr vorzuhalten, ist wirtschaftlich unattraktiv.
Bewirtschaftung und Instandhaltung als Hebel
Neben CO2-Minderung können Behörden in das Flussmanagement eingreifen. Erosion verändert die Fahrrinne und senkt Pegel. Laut Vermij wurde die Wasserstraßenunterhaltung in den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Deutschland vernachlässigt. Maßnahmen könnten Erosion begrenzen, den Pegel in der Fahrrinne anheben und ein stabileres Gleichgewicht zwischen Strömung, Sedimenttransport und Ökologie schaffen.
Energieversorger unter Druck
Kühlwassermangel belastet die Energieversorgung. Ungarn musste 7 von 8 Turbinen im AKW Paks an der Donau abschalten; auch Cernavodă und französische EDF-Reaktoren sind eingeschränkt. Die Wasserkraftleistung der Donau in Serbien und Bulgarien brach ein. „Zu wenig Wasser für Kühlung und Turbinen erhöht das Blackout-Risiko und die Kosten für Stromimporte“, sagt Liz Saccoccia (WRI).
Kühlgrenzen in Ludwigshafen
BASF zirkuliert rund 5 Millionen m³ Rheinwasser zur Kühlung. 2018 zwangen niedrige Pegel und hohe Temperaturen zu Produktionsanpassungen. Über 28 °C sinkt der Sauerstoffgehalt, Fische geraten in Stress; eingeleitet werden darf maximal 33 °C warmes Wasser und nur, solange die 28-°C-Grenze im Rhein nicht überschritten ist. Anfang August lag die Rhein-Temperatur bei etwa 25 °C.
Ausblick bleibt unsicher
Für das Einzugsgebiet ist wenig Regen vorhergesagt. „August ist früh für derart niedrige Pegel“, sagt Saskia Meuchelböck (Aarhus University). 2018 hielt das Niedrigwasser monatelang an; das Tief bei Kaub wurde erst Ende Oktober (25 cm) erreicht.
Dreifacher Schlag für die Chemie
„Die Margen von Rhein-Standorten geraten unter Druck, wenn Anlagen stillstehen“, sagt Carter. „Ein dreifacher Schlag: hohe Rohstoff- und Energiekosten, geopolitische Spannungen im Nahen Osten – und nun extrem niedrige Rheinpegel durch den Klimawandel.“
Quelle: ChemicalWorld
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