Vor diesem Hintergrund wurde am 22. Mai der Internationale Tag der biologischen Vielfalt begangen – in diesem Jahr unter dem Motto „Acting locally for global impact“, also lokal handeln für globale Wirkung. Die UN-Kampagne betont die Dringlichkeit lokaler Initiativen und will Gemeinden und Unternehmen stärker mit den globalen Biodiversitätszielen verknüpfen.
Die Entstehung des Welttags der biologischen Vielfalt
Der Welttag der biologischen Vielfalt wurde von den Vereinten Nationen zur Erinnerung an das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD) eingeführt. Dieses wurde am 22. Mai 1992 in Nairobi, im Vorfeld des Erdgipfels von Rio de Janeiro, offiziell angenommen.
Die Kernziele
Das Übereinkommen, das inzwischen von 196 Staaten ratifiziert wurde, verfolgt drei Kernziele:
- Erhaltung der biologischen Vielfalt
- Nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen
- Gerechte und ausgewogene Aufteilung der Vorteile aus genetischen Ressourcen
Diese drei Säulen bilden bis heute das Fundament der internationalen Biodiversitätspolitik.
Der Kunming-Montreal-Rahmen und das 30×30-Ziel
Der Biodiversity Day 2026 war besonders bedeutsam, weil er genau in der Mitte zwischen der Verabschiedung des Kunming–Montreal Global Biodiversity Framework im Dezember 2022 und der Frist im Jahr 2030 liegt. Dieser Rahmen gilt als eine Art Notfall-Fahrplan für die Natur und wurde auf der COP15 im Rahmen der CBD beschlossen.
Vier langfristige Ziele
Das Abkommen umfasst vier langfristige Ziele bis 2050 sowie 23 konkrete Zielvorgaben, die bis spätestens 2030 erreicht werden sollen. Im Mittelpunkt steht dabei das sogenannte 30×30-Ziel:
- Bis 2030 sollen mindestens 30 % aller Land-, Binnengewässer-, Meeres- und Küstenökosysteme unter Schutz gestellt werden
- Gleichzeitig sollen 30 % der degradierten Naturflächen wiederhergestellt werden
Darüber hinaus setzt der Rahmen unter anderem an bei:
- der Verringerung der Aussterberaten von Arten
- dem nachhaltigen Management der natürlichen Ressourcen
- einem gerechten Zugang zu den Vorteilen aus genetischen Ressourcen und deren fairer Verteilung
- der Ausweitung der finanziellen Unterstützung für Biodiversitätspolitik
Die Finanzierungslücke: Milliarden für die Wiederherstellung der Natur
Die finanzielle Dimension der Vereinbarungen gehört zu den größten Herausforderungen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass die weltweite Finanzierungslücke für Biodiversität mehr als 700 Milliarden US-Dollar pro Jahr beträgt.
Die Lücke schließen
Der Kunming–Montreal-Rahmen will diese Lücke schließen, indem bis 2030 jährlich mindestens 200 Milliarden US-Dollar durch öffentliche und private Investitionen mobilisiert werden. Dafür sind neue politische Instrumente, grüne Finanzierungsmodelle und eine klare Umsteuerung von schädlichen hin zu naturpositiven Aktivitäten erforderlich.
Biodiversität, Klima und Gesundheit: ein untrennbares Geflecht
Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und internationale Organisationen weisen immer eindringlicher darauf hin, dass der Verlust der Biodiversität längst kein reines Umweltproblem mehr ist, sondern in direktem Zusammenhang mit Klima, Ernährungssicherheit und öffentlicher Gesundheit steht.
Einige Kennzahlen verdeutlichen diese Verflechtung:
- Mehr als 80 % der weltweiten menschlichen Ernährung hängen von Pflanzen ab.
- Rund 3 Milliarden Menschen sind für ihre wichtigste Proteinquelle auf Fisch angewiesen.
- In Entwicklungsländern verlassen sich fast 80 % der ländlichen Bevölkerung bei der Gesundheitsversorgung auf pflanzliche Arzneimittel.
Weitere Risiken und Gefahren
Gleichzeitig führen Entwaldung, Zerschneidung von Lebensräumen und der Klimawandel zu einer Zunahme zoonotischer Krankheiten – Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen überspringen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont immer wieder, dass gesunde Ökosysteme als Puffer gegen Krankheitsausbrüche wirken.
Zudem spielen Ozeane, Regenwälder und Moore eine entscheidende Rolle bei der Kohlenstoffspeicherung. Naturschutz ist daher untrennbar mit der Klimapolitik verbunden und zentral für wirksame Klimaschutzstrategien.
Whole-of-society approach
Die Kampagne von 2026 knüpft an das an, was das Übereinkommen über die biologische Vielfalt einen „Whole-of-Society-Ansatz“ nennt: einen Ansatz, bei dem nicht nur nationale Regierungen, sondern die gesamte Gesellschaft in die Biodiversitätspolitik einbezogen werden.
Wer ist beteiligt?
Das bedeutet aktive Rollen für unter anderem:
- indigene und lokale Gemeinschaften
- Städte und regionale Verwaltungen
- Unternehmen und Finanzinstitute
- Jugendorganisationen
- zivilgesellschaftliche und Naturschutzorganisationen
Lokale Projekte – von naturverträglicher Landwirtschaft, urbaner Begrünung und Wiederherstellung von Feuchtgebieten bis hin zu nachhaltiger Fischerei und naturbasierten Finanzierungsmodellen – sollen zu einem weltweiten Netzwerk von Initiativen zusammenwachsen, die sich gegenseitig stärken.
Von Symbolik zu messbaren Ergebnissen bis 2030
Mit nur noch vier Jahren bis 2030 ist der Internationale Tag der biologischen Vielfalt weit mehr als ein symbolisches Datum. Der Tag dient als Referenzpunkt, um Fortschritte zu messen und die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit sichtbar zu machen.
Die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre ist klar:
Lokale Initiativen so zu organisieren, auszuweiten und zu verknüpfen, dass sie zu konkreten, messbaren Fortschritten führen – genug, um den Zusammenbruch von Ökosystemen zu bremsen und die Widerstandskraft unserer Umwelt langfristig zu stärken.
Wende zu einer naturpositiven Zukunft
Der Biodiversity Day 2026 erinnert Regierungen, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger daran, dass jede lokale Maßnahme – so klein sie auch sein mag – zu einer weltweiten Wende hin zu einer naturpositiven Zukunft beitragen kann.
Quelle: Renewable Matter
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